Montag, 19. Januar 2015

Disco Minus50Plus oder Werde ich irgendwann altersmilde?

 "Einmal Punk, immer Punk."
(Inga Humpe, 2013)

DJane Vira wollte das Augsburger Parktheater rocken. Die legendäre Frankfurter Turntable-Queen lud vergangenen Samstag zusammen mit dem Kurhaus Göggingen zur Disco -50+.
Eins vorweg: Ich bin nicht unbedingt schwellenangstbehaftet, was die Location und das Publikum angeht, wenn meine Nase eine mehrstündige Abhottchance wittert. Rock 'n' Roll + 70er-Disco + 80er-Sound = Non-Stop-Dancing-Garantie. Große Vorfreude also meinerseits. Hatte ich doch Anfang Januar zu genau diesem Mix in Berlins legendärstem Tanztempel - Clärchens Ballhaus - beim dortigen "Schwoof"-Freitag schon ausgiebigst meine Tanzbeine geschwungen. Zwischen älteren Semestern - zumeist einjessenen Berlinan wa?-  und vom Silvester-am-Brandenburger-Tor-Feiern übrig gebliebenen Studenten-Cliquen aus Australien, Spanien, Italien oder woher auch immer. Party-Feeling pur! Genauso wollte ich es Samstag haben!

War meine Vorfreude einfach zu groß oder steckte noch zu viel Berliner Großstadtspirit in mir oder warum ließ mich das Augsburger Pendent eher enttäuscht und ratlos zurück?
Die Musik war gut, ich hatte aber irgendwie mehr erwartet. Noch mehr 70er Knaller und weniger 90er Eurodance(trash)! Da bin ich übrigens noch nicht altersmilde geworden. Was ich früher - öhhhm- kacke fand, geht auch jetzt nicht. Meinen Körper bewegen zu Dr. Alban? No way! Und Vira machte es mir nicht einfach. Sie mixte mehr oder weniger wild durcheinander. Funk folgte Rock folgte New Wave, aber immer songweise. Seltenst kamen mal drei, vier Lieder der gleichen Musiksparte hintereinander. Hieß für mich also, rauf auf die Tanzfläche, runter von der Tanzfläche. Nervig! Doch den Augsburgern - genauer gesagt den Augsburgerinnen (schätze, mindest 80 % des Publikums waren weiblich) war's wurscht: sie tanzen auf alles!!! Mit zwei Ausnahmen. Beziehungsweise drei, wenn man ganze Musikepochen miteinbezieht. Bei gaaanz alten Krachern, also Rock 'n' Roll und 60s-Beat à la Shocking Blue's Venus lichtetete sich die Tänzercrowd sichtlich. Komplette Tanzflächenleerfeger waren allerdings zwei Songs: Nirvanas Smells like teen spirit und Cantaloop von US3. Was seeehr viel über die Vorlieben der Anwesenden aussagt: Mainstream ja, alternative nein! Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte einen Flashback. Augsburg. Mitte der 80er. Sonntag Nachmittag. Teenieparty im "Life" in der Hermanstraße. Es wimmelte auf der Tanzfläche nur so von dauergewellten, Pony hochtoupierten Mädels in pastellfarbenen Benetton-Outfits, die zu C.C. Catch oder Italo Disco kleine Seitwärtsschrittchen machten. Der über die Schulter gelegte Pulli durfte schließlich nicht verrutschen. Meine Freundin Moni und ich standen schwarz gewandet in der hintersten, dunkelsten Ecke, beäugten skeptisch die Szenerie und warteten auf unseren Einsatz. Irgendwas von The Cure oder Are friends electric von Gary Numan. Halt irgendwas Cooles, Nicht-Tussiges. Wir waren schließlich Waver, ha! Zugegeben, wir waren eindeutig in der Minderheit, die Masse war Mainstream.
Als ich vorgestern Nacht meinen Blick über die versammelte weibliche Tanzgemeinde schweifen ließ, wie sie bei "Sing Hallelujah" in Ekstase geriet, da kamen mir die Gesichter irgendwie seltsam bekannt vor. Nur 30 Jahre älter. Und die Dauerwellen waren praktischen Kurzhaarfrisuren gewichen...

Sonntag, 11. Januar 2015

Magic Carpet Ride à la fatboy

Mein "rosa Elefant" bei Nennung der Marke fatboy war stets ein dicker Sitzsack.
Zu meiner Verzückung hat die niederländische Firma aber auch noch so manch anderes im Programm: beispielsweise ein Sitzpouf mit dem klangvollen Namen Baboesjka: Drei flache Bodenkissen - wahlweise auch in wundervollen Tapisserie-Mustern - werden aufeinandergeschnallt und schwuppstiwuppsti kann man erhöht darauf tronen.
Nimmt man nur eines dieser Baboesjka-Kissen und legt es auf den Schemel Tablitski, kann man seinen Allerwertesten in nullkommanichts auf einem Komfort-Sitz Namens Krukski platzieren. Auch wenn mich Tablitski optisch an den Kinderhocker aus der legendären Mammut-Linie von Ikea erinnert, ist die Idee genial, da so vielseitig: Tablitski fungiert sowohl als Beistelltisch, Ablagefläche oder eben Sitzgrundlage.
Für Teppichmusterfreaks wie mich gibt's dann noch die Picnic-Lounge. Ein vermeintlicher Perser-Teppich, der sich in Wirklichkeit als riesige abwaschbare Picknick-Decke entpuppt. Krasski!
 
 alle Fotos © fatboy

Freitag, 5. Dezember 2014

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Karl Lagerfeld in Salzburg oder Coco & der Liftboy

Nie hat sein "Titel" besser zu ihm gepaßt als dieses Mal. Der Kaiser hält Hof.
Karl Lagerfeld ist in Salzburg.

Seit Jahren begibt sich Kaiser Karl auf die Spuren von Coco Chanel. Dabei entstehen Sonderkollektionen für das Modehaus CHANEL. Lagerfeld führte uns hierfür bereits zehnmal kreuz und quer über den Erdball. Es ging schon nach Moskau, nach Mumbai und letztes Mal war Dallas dran. Immer ist eine kleine Anekdote aus Cocos Leben ausschlaggebend für das nächste Reiseziel.
Zur Pre-Fall-Collection 2015 mußte man gestern allerdings nur um die Ecke. Nach Salzburg. Was hatte Coco Chanel mit Salzburg am Hut? Etwas zusätzliches amusement gefällig? Dann hört und seht den Meister höchstpersönlich antworten!
Diese Zwischenkollektionen laufen alle unter dem Begriff  "Métiers d'art".
Und der Name ist Programm. Die Kreationen sind allesamt opulenter und aufwändiger als es CHANEL-Haute Couture je sein könnte. Eine einzige Hommage an alte Handwerkstraditionen. Und an die wenigen Traditionalisten, die ihr Handwerk noch beherrschen. Spitzenklöppler, Federmacher, ...
Schöne Sitte ist auch, dass Karl Lagerfeld vorab ein hübsches Filmchen realisiert.
Quasi als Appetizer zur Show. Oder als Trost für die, die beim Defilee nie dabei sein werden... schluchz...
Hier also erstmal das amuse gueule oder besser amuse œil, "Reincarnation":

Montag, 1. Dezember 2014

Augsburgs Shopping Queen die Erste oder Wenn der Bachelor beim Umbau hilft...

 
Der pinke Shopping Queen Bus in Augsburg! Endlich!!! Gesichtet wurde er Mitte September, gesendet wurde die Augsburger Staffel erstmals vor drei Wochen. Wer die Premiere der Premiere verpaßt hat, kann sich das Ganze nochmal in Gänze zu Gemüte führen. Kommenden Samstag werden die fünf Augsburger Shopping-Queen-Folgen auf VOX wiederholt.
Ich gestehe, ich hatte etwas Bammel beim Gucken der Erstaustrahlung, weiß ich doch nach 34 Jahren Anwesenheit wie es um Augsburg bestellt ist. Modisch schonmal nicht zum Besten. Normcore wohin man guckt. Streetstyle-Fotografen würden in Augsburg mangels geeigneter Motive den Hunger-Tod sterben. Im übertragenen Sinne natürlich. Und "der" Augsburger Verkäufer ist auch nicht als ein Ausbund an Freundlichkeit bekannt.
Insofern war ich schon fast überrascht, dass sich Fremdschämmomente in Grenzen hielten, vom nackten Hintern bei Burger King in der ersten Folge - vielleicht ein stiller Protest gegen Yi-Ko? - mal abgesehen.
Das Motto "Lieblingsstück – Kreiere einen neuen Look mit einem Teil aus deinem Kleiderschrank!" war gut umsetzbar , die Kandidatinnen waren im Großen und Ganzen akzeptabel:
Die erste, Lucia, wirkte zwar nicht sehr helle, aber ihr Outfit mit Fellweschde (Guido Maria Kretschmer hatte mehrfach sichtlich Spaß am Augschburger Slang) war ansich OK, wenn auch leicht themaverfehlt, da nicht neu interpretiert.
Kandidatin zwei, Plus size Bloggerin Cécile, finde ich knuffig und nicht unbedingt mainstream. Daher wunderte mich ihre Shopauswahl. Der XL-Laden kam doch etwas bieder daher. Aber wo soll man in Augsburg auch hingehen mit Größe 46/48? Offline shopping wird daher wohl eher die Ausnahme sein bei "Theodora Flipper".
Mittwoch und Donnerstag ging es eher unspektakulär weiter: Berrin hatte leider ein komplett mißglücktes Outfit (Kleid und Mantel paßten ihr nicht und die Pumps nicht zum Rest) und ein noch schlimmeres Make-Up, von Danielas Shoppingtag ist mir vor allem der Auftritt der rrrrassigen ;) Schuhverkäuferin in Erinnerung geblieben, die sich um Kopf und Kragen redete (ich sag nur: Paletten...). Herr Sailer, wo sind Sie, wenn man sie braucht?
Last but not least zu Kandidatin Jacky. Doch vorher sollten wir mal kurz die Frage klären, warum es überhaupt so lang dauerte - immerhin mehr als 500 Folgen - bis Guido Maria Kretschmer die erste Augsburgerin zur Shopping Queen krönen konnte. An fehlenden Kandidatinnen lag es nicht, an mangelnder Teilnahmebereitschaft der hiesigen Textil-Einzelhändler allerdings schon. Munkelt man. Das wäre mal wieder ganz und gar typisch für diese Stadt. Viele meinen hier, sie sind etwas ganz Besonderes. Keine Ahnung, wo diese Selbstüberschätzung herrührt. Oft fehlt es schon am mindesten. Sehr oft an Stil. Das führt dann zu abstrusen Szenen wie bei Finalkandidatin Jacky:
Erste Station ihrer Shoppingtour war das Geschäft, das eigentlich nicht fehlen darf, wenn es um Mode und Augsburg geht. Das, bei dem laut eigener Homepage-News "der" Bachelor auch gerne mal beim Umbau hilft. Niemand muß Shopping Queen kennen, aber manchmal frage ich mich schon, bereitet sich das Verkaufsteam gar nicht auf die Aufzeichnung vor oder warum schleppte die "Modeberaterin" die Kandidatin gezielt in die hochpreisige Premium-Abteilung des Ladens? Bei 500 € Gesamtgbudget vielleicht nicht die schlaueste Idee. Und als die Verkäuferin die - vor lauter farblicher Tristesse- immer länger werdende Kinnlade von Jacky bemerkte, sagte sie noch stolz - den vermeintlichen Trend voll im Blick - "Momentan ist alles schwarz". "Ja. Bei Euch!" dachte ich und wohl auch die Kandidatin. "Weil Ihr nur Schwarz geordert habt..." Da hilft nur Konsequenz: Jacky ging.
Welche Augsburgerin letztendlich von Guido Maria Kretschmer gekrönt wurde, verrate ich nicht. Soll ja noch die ein oder andere geben, für die die eigentliche TV-Wiederholungssause am Samstag eine TV-Premiere ist.
Meine persönliche "Krone" der Woche ging übrigens an den Friseursalon OLAFÉ. Was Olga Afanasev da in acht Minuten an Flechtgebilde auf Jackies Kopf zauberte, schaffen andere Friseure nicht in einer Stunde. Hut ab!
Diesen Monat kommt der pinke Bus übrigens schon wieder hierher.
Tja, wenn der Augschburger mal auf den Geschmack kommt...

Freitag, 28. November 2014

München Mord: Heimatkrimi? Nö, besser!

ZDF Neo-Schauer waren vorgestern Nacht wieder mal die ersten, die große Masse darf morgen gucken, im ZDF zur Primetime. Und sie sollte es tun. Die Hölle bin ich ist brilliant.
Nix gegen Heimatkrimis, aber das Ganze wird schon ein bißchen inflationär, oder?
Im Grunde haben wir mit dem "Tatort" das Genre je eh schon seit Jahrzehnten, aber momentan kann ich mich vor Lokalkolorit beim Kampf gegen des Verbrechen kaum mehr retten. Und wie immer, je besser etwas ankommt beim Fernsehzuschauer, desto mehr und schneller wird nachgelegt und desto mehr Schmarrn flimmert dann über die Mattscheibe. Insofern wollte ich im März gar nicht erst reingucken. Bei Wir sind die Neuen, dem ersten Teil der neuen ZDF-Serie "München Mord". Gott sei Dank hab ich's doch getan. Drei herrlich schräge Kommissare, köstliche Dialoge, eine spannende Geschichte. Und so hat man gut daran getan, das Autorenteam Eva Wehrum und Alexander Adolph auch für Teil zwei wieder ran zu lassen. Die drei Hauptfiguren können sich in Die Hölle bin ich weiter entfalten und das Ganze gibt noch mehr Sinn und macht noch mehr Spaß.

Mal abgesehen vom Heimatbezug ist Krimi und Witz ja auch so ein Ding. Meist geht bei solchen Filmen die Handlung dann zugunsten des Humors unter. Ich bin eh nullkommanull Fan der Liefers-Prahl-Tatorte. Aber mal ganz ehrlich: Die, die das mögen, interessiert die Story doch nicht wirklich, oder?
Ganz anders bei "Die Hölle bin ich". Die Geschichte ist atmosphärisch dicht genug um die Spannung des eigentlichen Kriminalfalls bis zum Schluß zu halten. Trotzdem wartet man genauso gespannt auf jedes weitere "Servus" aus dem Mund von Jörg Hartmann (herrlich contra Image besetzt!), nur um sich ein weiteres Mal vor Lachen zu kringeln, ob des Pseudo-Münchnerisch "seines" solariumgebräunten Johannes Denglers. Seines Zeichens halbseidener Immobilienschnösel und eigentlich - kicher, kicher - aus dem Schwabenländle. Oder man fiebert mit den beiden männlichen Protagonisten mit, wie das denn nun aussehen mag, wenn eine Bewährungshelferin ihre Oberweite auf dem Tisch hin- und herschiebt...
Aber all das wäre nur halb so gut ohne den Glücksgriff bei den drei Hauptdarstellern! Es gibt Schauspieler, deren Gesicht kennt man, die sind immer irgendwie präsent, aber man hat keinen Namen parat. Alexander Held ist so einer. Für mich zumindest. Dabei spielt er grandios und hier endlich mal eine Hauptrolle. Und was für eine! Bei Marcus Mittermeier ist es genau umgekehrt. Regisseur von Muxmäuschenstill (ich liiiebe diesen Film). Name bekannt, aber das Gesicht? Jetzt bin ich schlauer. Auch er spielt wunderbar lässig mit perfektem Timing: good cop, bad cop, Spielerfraubeglücker, whatever... Bernadette Heerwagen ist mir seit "Das ewige Lied" ein Begriff, allerdings auch eher aus Nebenrollen. Sie hat so etwas Unaufringliches, Echtes in ihrer Rolle als leicht unterschätzte Nichte des Polizeipräsidenten. Flierl. Angelika. Allein der Nachname birgt Kultpotential...

Donnerstag, 23. Oktober 2014

C&A setzt auf DATCHA GRUNGE

... Untertitel: make love not war
Nette Idee. "Datcha Grunge" ist übrigens der Name der aktuellen Clockhouse-Kollektion von C&A.
Dass ich mal über C&A poste, hätte ich mir auch nicht träumen lassen. Zu altbacken und bieder. Diese Kollektion ist aber eindeutig matrjoschka-dawaj-"würdig", sprich es gibt Folkorestil à la Osteuropa. Hübsch bestickte Blüschen und Röcke. Dazu Strick im Tapisserie-Look. Der ist aus 100 % Polyacryl, was die klassische C&A-Kundin aber glaube ich nicht schreckt. Für mich wäre das nichts, was jedoch nicht heißt, dass ich den Laden ohne Beute verlassen habe. Auf mich wartete am Grabbeltisch ein entzückendes Matrjoschka-Shirt. Zwar nicht vom Label "Datcha Grunge", aber make love not war kann ich trotzdem unterschreiben...


Samstag, 18. Oktober 2014

"Das Leben ist nichts für Feiglinge" vs. "Tage, die bleiben" ~ ein Thema und zwei Filme, die unterschiedlicher nicht sein können

"Schade, der läuft ja gar nicht mehr." Eine Aussage meinerseits ohne Seltenheitswert. Ich kann leider sehr phlegmatisch sein, was Kinobesuche angeht. Fällt ein Film dieser lästigen Bequemlichkeit mal wieder zum Opfer, bleibt mir logischerweise nur das Warten auf die DVD-Erscheinung oder die TV-Premiere. Also freute ich mich gestern über Letzteres. Das Leben ist nichts für Feiglinge lief auf arte. Wie gehen Kinder und Ehemann mit dem plötzlichen Tod der Mutter beziehungsweise des Partners um? Ich hatte mir viel versprochen. Von dem Thema, von dem Film. Doch ich bekam keinen Zugang, weder zu der Story, noch zu den Akteuren. Lag es an den vielen Nebenschauplätzen, an den zum Teil flachen Dialogen? Ganz gewiß lag es aber daran: ich verglich. Montag habe ich Tage, die bleiben im hr gesehen. Das gleiche Thema -Tod der Mutter, des Ehepartners- aber komplett anders umgesetzt. Konkret geht es in dem Film von Pia Strietmann um die wenigen Tagen zwischen dem Unfalltod der Mutter/Ehefrau und ihrer Beerdigung. Atmospärisch dicht und dadurch beklemmend realistisch und berührend bewegt sich die Geschichte auf ganz kleinem Raum. Und wirft doch große Fragen auf: Wie "geht" Trauer eigentlich? Wie schafft man es zu funktionieren, den ganzen organisatorischen Kram auf die Reihe zu kriegen, wenn man eigentlich zu nichts fähig ist? Bedarf es erst so einer Extremsituation, um familiär reinen Tisch zu machen? Dazu liefert der Film auch so manch schreiend komische Szene. Mein Favourite: Max Riemelt (Filmsohn Lars ist Jungschauspieler) mit Hape Kerkelings Berliner-Prolo-Rico-Mielke-Kleingärtner-Gedächtnis-Styling bei Barbara Salesch... Herrlich! Überhaupt, der Cast. Dass Max Riemelt, Lena Stolze (hat eigentlich noch jemand die frappierende Ähnlichkeit mit Johanna von Koczian bemerkt?) und Götz Schubert spielen können ohne dass man merkt, dass sie es tun, weiß man. Aber Mathilde Bundschuh? Nie gehört! Für mich die Entdeckung in "Tage, die bleiben". Ihre Filmfigur (Tochter Elaine) macht die größte Wandlung durch. Vom durchgeknallten pubertierenden Teenie zur Rilke-Versteherin, behält sie als einzige den Überblick, wirkt letztendlich reifer als Bruder und Vater zusammen. Beeindruckend fragil gespielt von Mathilde. Dann wäre da noch Michael Kranz als Bestatter. Eigentlich eine Nebenrolle.  "Sein" Benjamin, der vermeintliche Provinz-Heini, wird mir definitiv im Gedächtnis bleiben...
Fazit: "Tage, die bleiben" ist ganz, ganz großes Kino!!! Auch auf der Mattscheibe...

Montag, 13. Oktober 2014

"Never be afraid to stop traffic"

ist das Motto von Iris Apfel. Ute Patel-Missfeldt redet "Vom Vergnügen anders zu sein."
Beide Ladies meinen dasselbe. Beide Ladies sprechen mir aus dem Herzen. Und: Beide Ladies sind jenseits der 70.
Müßte ich mich auf eine einzige Stilikone festlegen, meine Wahl fiele ohne Zweifel auf Iris Apfel.
Der Begriff Statement-Jewellry müßte für sie erfunden werden, gäbe es ihn nicht schon. Keiner kombiniert Unmengen von Modeschmuck in so nonchalanter Weise wie die 93 (!)-jährige New Yorkerin. Die vor laaanger Zeit mal Interior-Designerin war. Mittlerweile kann sie sich vor Kreativ-Anfragen jeglicher Art nicht mehr retten und macht mal eben Schuhmode. Oder gibt eine Brillenkollektion raus. Naheliegend. Ist doch das schwarze riesige Wagenrad auf Iris Apfels Nase ihr Markenzeichen schlechthin. Seit letzter Woche ist sie nun Testimonial für Other Stories, meinem Lieblingsableger aus dem Schweden-Konzern namens H&M. Und sie beweist mal wieder, dass Mode und Stil eindeutig keine Fragen des Alters sind, ein blaues Printkleid eine 25-Jährige kleidet, aber eben auch eine fast Hundertjährige. Kommt halt auf die Ausstrahlung und die innere Einstellung an.


 © Ari Seth Cohen for Other Stories

Aber man muß nicht unbedingt über den großen Teich. 50 Kilometer nördlich von Augsburg - in Neuburg an der Donau- wohnt eine nicht minder kreative Künstlerin mit Hang zum Außergewöhnlichen: Ute Patel-Missfeldt. Malerin. Karikaturistin (für mich persönlich das weibliche Pendant zu Manfred Deix.
Ihre Weibsbilder! Herrlich!!!). Dozentin. Buchautorin. Opernintendantin. Modesignerin. Organisatorin der weltgrößten Hutmesse, etc. Und das mit dem traffic stop könnte sich in Neuburg durchaus schon ereignet haben. Riesige Hüte und handbemalte Seidenroben sind halt nicht alltäglich in der Provinz. Die gebürtige Bremerhavenerin Ute Patel-Missfeldt ist nicht zu übersehen und leistet fleißig Überzeugungsarbeit contra Mainstream. Motto:
"Die Normalität ist eine gepflasterte Straße.
Man kann gut auf ihr gehen, doch es wachsen keine Blumen auf ihr."*
Der BR drehte vor einigen Jahren die wunderbare Reportage Vom Vergnügen anders zu sein über die Künstlerin im Rahmen der Reihe "Lebenslinien". Gerade erschien die gleichnamige Biografie.
Ich habe sie in einem Tag verschlungen. Absolut lesenswert!



Iris Apfel und Ute Patel-Missfeldt beweisen mal wieder, dass Modebewußtsein nichts mit Oberflächlichkeit  zu tun hat. Gerade in Deutschland wird modisch gekleideten bzw. interessierten Menschen gerne mal unterstellt, nix in der Birne zu haben. Man wird skeptisch beäugt. Im Umkehrschluss bleibt Frau lieber underdressed, damit andere ja nicht denken, man hätte sonst nichts auf dem Kasten. Mode gehört hierzulande leider nicht zum geschätzten Kulturgut. Ganz anders in Frankreich. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt...
Und dann ist natürlich noch die Sache mit dem Alter. Die Angst, unsichtbar zu sein, nicht mehr wahrgenommen zu werden. Eine 73- und eine 93-Jährige machen vor, wie es geht. Wer gerne noch mehr aufmunternde Beispiele contra praktischem Kurzhaarschnitt & Dehnbundhose hätte, werfe doch mal einen Blick auf den Blog Advanced Style von Ari Seth Cohen!    

* aus dem Buch Vom Vergnügen anders zu sein von Ute Patel-Missfeldt und Karina Albrecht

Donnerstag, 25. September 2014

WHO AM I ~ wenn Tom Schilling Popcornkino macht

Arthouse war gestern. Tom Schilling goes Multiplex. Aber da er das macht, kann man sich darauf verlassen, dass auch der Rest stimmt. Der Film zum Beispiel. WHO AM I ist ein Thriller nach bester - ich meine wirklich bester- hollywoodscher Machart. Kann mich nicht erinnern, so etwas aus deutschen Landen jemals gesehen zu haben. Rein visuell.
Was macht einen Thriller sonst noch aus? Spannung! Daher nur drei Sätze zur Handlung:
Eine Gruppe von Hackern treibt in Berlin ihren Schabernack. Benjamin (Tom Schilling) mittendrin. Liebe und verletzte Eitelkeiten tun ihr Übriges, dass aus Gaudi plötzlich Ernst wird und das Unheil seinen Lauf nimmt. Mehr sog i net. Nur: Angucken!